Erklärung zum Geschehen am Nanga Parbat 1970

Zitat aus dem Buch von Ralf-Peter Märtin: Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus, S.322f

„Die Messner-Brüder und Baur gehen los. Noch bevor sie Lager V erreichen, signalisiert die rote Rakete aus dem Basis­lager schlechtes Wetter. Für Messner ist damit alles klar. Er bereitet sich innerlich auf den Alleingang vor. Was er nicht weiß: Herrligkoffer hat die falsche Rakete abgeschossen. Der Wetter­bericht ist gut, aber die blaue Raketenhülse enthielt eine rote. Die Nachricht korrigieren kann er nicht, denn durch einen Ver­packungsfehler sind nur noch rote Raketen vorhanden.
Reinhold Messner bricht um zwei Uhr nachts auf. Der Weg von Lager V zum Gipfel ist völliges Neuland. Die Höhendiffe­renz beträgt knapp 800 Meter. Die Merkl-Rinne, steil, mit schwierigen Felsstufen gespickt und total vereist, würde bei einem Schlechtwettereinbruch zur tödlichen Falle. Also muß Messner schnell sein, er nimmt weder Rucksack noch Biwakaus­rüstung noch Seil mit, stopft sich nur Dörrobst, ein paar Brau­setabletten, zwei Rettungsdecken aus Alufolie und seine Minox­Kamera in die Anoraktaschen und geht los. Zurück im Zelt bleiben sein Bruder und Baut. Sie sollen die Merkl-Rinne mit Fixseilen sichern. Es ist Samstag, der 27. Juni 1970. Messner steigt mit der gewohnten Präzision und Schnellig­keit. Er ist gut akklimatisiert. Die Höhe spürt er kaum. An schwierigen Kletterstellen zieht er seine dicken Norweger­Handschuhe aus und benutzt dünne aus Seide. Eine auch für ihn unpassierbare Stelle umgeht er über eine Felsrampe. Als er sich schon dem Gipfelgrat nähert, sieht er unter sich eine Gestalt. Es ist sein Bruder Günther. In nur vier Stunden hat er die Merkl­Rinne durchstiegen und seinen Bruder eingeholt. 600 Höhen­meter sind in dieser Höhe eine Rekordleistung. Messner fragt nicht, warum ihm Günther gegen die ursprüngliche Abma­chung gefolgt ist. Sie schauen sich zwei Minuten lang an … „

Beim Abstieg kommt Bruder Günter ums Leben. Wäre die blaue „Gutwetterpatrone“ abgeschossen worden, hätte die Expedition personell und materiell gut ausgestattet in aller Ruhe vonstatten gehen können. Mit Sicherung des Rückwegs. Da wäre das Todesopfer vermutlich vermieden worden. Steffen Klug

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